Am Nachmittag des 17. Dezember hatten die „Freunde Czyslanskys“ Frank Schirrmacher in den Münchener Presseclub eingeladen, um über dessen Buch „Payback“ zu diskutieren. Natürlich kam Schirrmacher nicht, dafür vier Freunde Czyslanskys (der fünfte Freund hatte Grippe, zurzeit hat jeder Fünfte Grippe). Und es kamen ca. 30 andere Leute, ganz überwiegend Herren jenseits der 50, die sich in der Disziplin Schirrmacher-Verriss messen wollten.
Und da gibt es ja jede Menge zu verreißen. Diese vielen Falschschreibungen im Buch, diese technischen und historischen Unrichtigkeiten, diese technologiefeindliche Larmoyanz… Und dann ist die erste Auflage auch noch ausverkauft!
Nach den verschiedenen Posts der Veranstalter – siehe Tim Cole zu Schirrmacher oder Michael Kausch zu Schirrmacher – war natürlich nicht zu erwarten, dass an diesem Donnerstag Nachmittag am Münchener Marienplatz, 30 Meter über dem Weihnachtsmarkt, ein Schirrmacher Fanclub gegründet würde.
Gleichwohl ist es schon erstaunlich, welche Emotionen Schirrmacher trotz aller Unzulänglichkeiten in seinem Buch zu wecken imstande ist. Die Diskussion im Münchner Presseclub war lebhaft, die Ablehnung von “Payback” war einhellig. Alles darüber hinaus war schon nicht mehr einhellig.
Mich befremdet, dass die Technologiefeindlichkeit von Schirrmacher, der es nicht besser weiß, eine Technologiefreundlichkeit bei Leuten provoziert, die es besser wissen müssten. So wenig wie das Internet per se schlecht ist, ebenso wenig ist es per se gut. Es ist auch nicht viel demokratischer als alle anderen Medien zuvor, wie Sascha Lobo im Spiegel postuliert.
Gerne wird in diesem Zusammenhang die Erfindung des Buchdrucks bemüht. Die Erfindung des Buchdrucks war ein Technologiesprung, der dem geistigen Mittelalter das Ende und der bürgerlichen Gesellschaft den Weg bereitete. Aber das Social Web mit der Erfindung des Buchdrucks zu vergleichen, ist schon sehr hoch gegriffen. Dass die Welt, in der wir leben, nicht die beste aller möglichen ist, ist in den Tagen der Kopenhagener Klimakonferenz nicht schwer zu argumentieren. Der Buchdruck drängte auf seine Erfindung, weil das geistige Mittelalter zu beenden war. Der Buchdruck gab der Aufklärung das Mittel in die Hand, der bürgerlichen Gesellschaft Bahn zu brechen. Diese Veränderung fand in der realen Welt statt. Unsere reale Welt könnte auch Veränderung gebrauchen. Dass aber die Social-Web-Euphoriker die virtuelle Welt als die bessere Welt empfehlen, geht an der Sache vorbei.







21. Dezember 2009 at 12:12
Auch bei der Isarrunde wurde das Thema diskutiert: http://www.isarrunde.de/empfehlungen/43/1/1/17/absaufen_in_der_informationsflut.html
18. Dezember 2009 at 13:50
Vorsicht: Nicht schon wieder ins Schirrmacher’sche Schwarzweiß-Schema verfallen.
Von wegen Technikfeindlichkeit vs. Technikfreundlichkeit: Der von mir sehr geschätzte Sascha Lobo ist kein blauäuiger Technophile. Im Gegenteil: Er geht gelegentlich hart mit Leuten ins Gericht, die eigentlich auf der gleichen Seite des Zauns zwischen “Digital Haves” und “Digtal Have-nots” stehen wie er. Seine Grundeinstellung ist aber positiv und lebensbejahend, im Gegensatz zu den resignativen und menschenverachtenden Thesen von Herrn Schirrmacher.
Klar ist 99 Prozent von dem, was die Leute im Internet schreiben und treiben, Unsinn. Klar gibt es ernste Probleme. Aber es braucht ernsthafte MEnschen, um sie zu lösen, und nicht schmalbandige Kulturpessimisten wie Schirrmacher.
Im Übrigen ist es mit den Pessimisten und dem Optimisten ja schon immer so gewesen: Der eine sieht beim Schweizer Käste nur die Löcher, der andere den Käse (sic!).
18. Dezember 2009 at 13:08
Sicherlich kann man das Social Web nicht mit dem Buchdruck vergleichen, dafür ist es definitiv zu bedeutungslos, aber das Internet in seiner Gesamtheit sehr wohl. So wie durch das gedruckte Buch, plötzlich Informationen zugänglich gemacht wurden, die vorher nur geistlicher/geistiger Elite zugänglich waren, so demokratisiert das Internet Wissen und Information noch weitergehender. Und Information ist SEHR WOHL REAL!
Der Stil der Diskussion um die Gefahren des Internets hat die immer gleiche engstirnige und angstgetriebene Qualität.
Ich erinnere nur an die Eisenbahn, die damals mit über 30 km/h das Hirn schädigen sollte, den Mixer, mit dem Atome geteilt werden, die Mikrowelle, welche die Nahrungsmittel atomisiert.
18. Dezember 2009 at 13:04
Lieber Herr Siegner,
danke für das Feedback. So habe ich die Gelegenheit der Präzisierung. Die von mir gebrauchte Buchdruckanalogie bezog sich nicht auf einen Vergleich der Veränderungen der Gesellschaft. Da haben Sie recht, das wird “gerne bemüht”. Mich hat lediglich amüsiert, dass angesichts des Bestsellers von Herrn Schirrmacher in Vergessenheit gerät, dass die Verteufelung des Buchdrucks seinerzeit auch einen Bestseller hervorgebracht hat: Don Quixote.
Irgendetwas nicht per se böse zu finden heißt nicht automatisch, alles im betreffenden Zusammenhang gleich naiv per se gut zu finden. Das gilt für Techniken wie für Revolutionen, hier empfinde ich keinen Widerspruch zwischen Ihrer und meiner Sicht. Nur denke ich, daß wir in der Tat Zeuge einer Revolution wurden. Das Internet gibt den Menschen mehr Stimme als je zuvor. Das mag bisweilen, mindestens aus ästhetischen Gründen, auch nicht per se als gut empfunden werden, aber es ist besser, als Sprachlosigkeit und Isolation.
18. Dezember 2009 at 12:16
Lieber Herr Siegner,
sie sprechen mir aus dem Herzen. In der Tat sind neue Technologien niemals einfach “gut” oder “böse”. Sie sind natürlich auch nicht per se “neutral”, sondern unter konkreten historischen Bedingungen werden sie einmal eher zur Veränderung treiben, ein ander Mal eher zur Stabiliserung des Status Quop beitragen. Niemals aber sind sie die “Ursache” grundlegender Probleme.
Wenn Frank Schirrmacher die elektronische Patientenakte dafür verantwortlich macht, dass viele Ärzte heute sich weniger Zeit für das persönliche Gespräch mit ihren Patienten nehmen, dann ist das eine verhängnisvolle Mystifizierung der Technik und verhindert die Diskussion und Änderung der wirklichen Gründe für den Qualitätsverlust in unserer ärztlichen Versorgung, etwa Fehlentwicklungen im Krankenkassen- und -abrechnungssystem.
Schirrmachers populistische Verkürzung der Analyse wirklicher Probleme ist Ausdruck seiner Boulevardphilosophie. Schlimm ist sein Buch nicht, weil er damit technologischen Fortschritt verhindern würde, sondern weil er den Blick auf Technologien umleitet, anstelle die wirklichen Ursachen der Gesundheits- oder der Bildungsmisere zu benennen.
Und weil er ein überzogenes negatives geschichtsphilosophisches Bild der Technikfeindlichkeit entwirft, bleiben seine am Schluss des Buches grob hingeworfenen Vorstellungen einer vernünftigen Auseinandersetzung mit neuen Technologien zusammenhanglos und schwach.
Wir brauchen aber eine neue Form der Computerpädagogik, in der die Anwender lernen, was diese Technologien können, v.a. aber was sie nicht können: die Nutzung von Powerpoint garantiert keine didaktisch gten Vorträge, die Nutzung von Internet-Recherche garantiert keine fortweisende Diskussionsbeiträge, die öffentliche Kommunikation im Web 2.0 erfordert ein bewußtes Reputation Management und und und.
Kurz: Technik ist nicht per se positiv, nicht negativ, nicht neutral. Sie ist zu “beherrschen” oder wir machen uns zu ihren Opfern. Der Ansatz von Schirrmacher führt ungewollt in die Opferrolle.