Am vergangenen Sonntag hat Schirrmacher erneut nachgelegt. In der F.A.Z. am Sonntag erschien eine ganze Seite mit einer Google-ist-der-Big-Brother-Geschichte. Ich habe den Artikel mehrfach gelesen, um neue Argumente zu finden, die nach neuen Gegenargumenten verlangen. Vielleicht liegt es an mir, aber ich habe am Sonntag keine neuen Schirrmacher-Argumente gefunden. Sowieso ist es eigentlich sinnvoller mit den unsrigen zu diskutieren. Tim Cole hat Sascha Lobo in seinem Kommentar zu meinem Post vehement verteidigt. Gerade er ginge doch „gelegentlich hart mit den Leuten ins Gericht, die eigentlich auf der gleichen Seite des Zaunes (…) stehen“. Ich habe also die Schirrmacher-F.A.Z. weggelegt und dafür den Lobo-Spiegel rausgekramt, um das noch mal nachzulesen. Ich hatte bezügliches seines Spiegel-Artikels die Erinnerung, dass für ihn das Internet per se demokratische Eigenschaften habe. Das hat er so nicht geschrieben. OK, OK Tim Cole, ich nehm’s zurück.
Stattdessen argumentiert Sascha Lobo, die massenhafte Vernetzung gebe den Massen Macht, die den Eliten genommen werde. Lesen wir nach: „Ich halte die Auswirkungen (der digitalen Vernetzung) auf die Gesellschaft (…) für so revolutionär als wären Buchdruck, Telefon und Fernseher gleichzeitig erfunden worden.“ Warum ist revolutionär für ihn das richtige Wort? Weil die medialen Eliten die Macht verlieren. „Dort oben sind die Verschiebungen und Verwerfungen der Gesellschaft besonders deutlich zu spüren, nämlich in Form des Machtverlustes.“ Am Ende des Artikels erwähnt er erneut die „Machterosion der medialen Eliten (…) aufgrund der Transparenz und Geschwindigkeit der digitalen Welt“.
Ich komme zu meiner Argumentation zurück: Während die reale Welt den Bach runter geht, wird die virtuelle zur besseren Welt stilisiert. Natürlich ist das Internet Teil der realen Welt (übrigens ein Teil mit hohem Stromverbrauch), natürlich wirkt die Vernetzung auf die gesellschaftlichen Verhältnisse zurück (nicht nur im Iran), natürlich entsteht durch Kommunikation auch Realität. Aber das Kriterium ob es in der Geschichte vor oder zurück geht, kann kein mediales Kriterium sein. Wie kümmerlich im Ernstfall die Macht der medialen Eliten ist, wissen diese am besten. Zwar werden sie von einigen als vierte Gewalt bezeichnet, aber erstens nur von einigen und zweitens nur als vierte. Wenn ich diese postulierte Revolution noch einmal an den Ergebnissen von Kopenhagen verproben darf…
Die von Tim Cole geforderten Optimisten wie Sascha Lobo und die von ihm kritisierten Pessimisten wie Frank Schirrmacher habe eines gemeinsam: Sie begrenzen ihren Blick auf das Mediale.







22. Dezember 2009 at 10:55
Sascha Lobo ist in der Tat kein plumber Technologiefetischist, der an das Gute in der Technik glaubt. Er sieht Social Media auch gar nicht so sehr als technologisches Ereignis an, sondern als soziales. Sein Irrtum ist aber nicht minder schlimm, wenn er einseitig auf die Schwarmintelligenz setzt, die das neue Web zur Entfaltung bringe. Er träumt den Traum von der Abschaffung der medialen “Torwächter” (siehe Spiegel-Interview) und glaubt sich dieser Vision im Zeitalter der Blogs und Tweets nahe. Das ist ein letztlich sehr altbackenes und an Personen fixiertes Verständnis von Gesellschaft, Macht und Fortschritt. Sascha Lobo ist der letzte große Romantiker des Internet.