#2010: Das Web ist nicht genug

Mo, Jan 4, 2010

IT & More

Nachdem wir jetzt die vielen obligatorischen Rückblicke hinter uns haben, ist an der Zeit, nach vorne zu schauen. Mit 2010 hat ein neues Jahrzehnt begonnen. Was wird dieses neue Jahrzehnt in der IT bringen? Wenn es richtig ist, dass die Entwicklungen der Zukunft in der Gegenwart erkennbar sind, dann bedarf es keiner Hellseherei, um wesentliche Entwicklungen zu erkennen. Damit meine ich nicht schneller werdende Prozessoren, kleiner und intelligenter werdende Devices (die CES lässt grüßen) oder noch mehr und noch mehr Bandbreite. Um dies alles zu beschreiben, genügt der Komparativ in Kombination mit bereits Erlebtem. Wo aber entsteht eine neue Qualität? Im Netz!

Drei wesentliche Entwicklungen zeichnen sich ab. Erstens: Die Dinge erobern das Netz. Zweitens: Das Netz erobert das Netz. Und drittens: Die Gesellschaft erobert das Netz. Je nach Standpunkt kann man Subjekt und Objekt  in diesen Sätzen auch austauschen.

Dass die Dinge das Netz erobern, kennen wir bereits unter dem Stichwort „Internet der Dinge“.  Jetzt wird es ernst. Die Krise wird den Rationalisierungsschub beschleunigen, der uns Chips an und in all den Dingen bescheren wird, an denen sie sich befestigen lassen. Die Dinge werden miteinander kommunizieren und sich gegenseitig  ununterbrochen unendlich viele Funktionsparameter und Prozessdaten mitteilen. Und wir werden das nur merken, wenn es mal nicht funktioniert. Ob wir diese Schöne Neue Welt unter Kontrolle behalten, ist keine Frage, die uns die Informatik beantworten kann, sondern die Politik und die Soziologie.

Dass das Netz das Netz erobert, kennen  wir unter dem Stichwort „Semantic Web“. Das Web liefert nicht nur Information, das Web erkennt Bedeutung! Die Grundidee ist so alt wie das Web selbst. Es ist gewissermaßen die Grundidee der Künstlichen Intelligenz im Webzeitalter. Durch intelligente Verknüpfung von Informationen kann Bedeutung erkannt werden. Das wäre ein qualitativer Sprung. Verknüpfbare Informationen haben wir genug, Prozessorleistung ist keine Begrenzung und die Algorithmen sind ebenfalls reif. Das Semantic Web kann kommen.

Last but not least kennen wir die Vergesellschaftung des Netzes unter dem Stichwort „Social Web“. Heranwachsende Generationen haben immer Felder gesucht, in denen sie sich von der vorhergehenden abgrenzen können. Lange Zeit haben Kleidung und Musik diese Felder geboten. Seitdem Vorlieben für Rock, Pop oder Punk keine Altersgruppe mehr beschreiben und sich niemand über einen gepiercten Rentner wundert, ist es für die nachrückende Generation schwierig geworden, sich abzugrenzen. Zum Glück gibt es diese merkwürdige neue Welt, deren Ränder von Facebook und World of Warcraft markiert werden. Zwischen diesen beiden Markierungen schafft sich eine ganze Generation einen Raum. Wir nur noch begrenzt imstande, ihnen dorthin zu folgen. Das Social Web als Differenzierungsfeld einer Generation, die mit Digital Natives nur sehr schlecht beschrieben ist. Das gibt diesem Web mehr Relevanz als alle bloggenden Journalisten zusammen genommen.

Am Ende darf man nicht vergessen, dass die beschriebenen Entwicklungen die Spaltung der Welt in digital Vermögende und digitale Habenichtse vergrößert.

2010 wird es auf der Welt knapp zwei Milliarden Computer geben und knapp vier Milliarden Mobilfunkverträge. Das sind beeindruckende Zahlen. Wenn man aber den Zweit-Computer und das Dritt-Handy in den Industrieländern berücksichtigt, so hat mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung keinen Zugang zum Mobilfunk und zwei Drittel der Weltbevölkerung haben keinen Computer. Geschweige denn Zugang zum Internet. Und dies ist mit Sicherheit nicht ihr größtes Bedürfnis.

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Thomas Siegner ist zuständig für Markenführung und Kommunikation bei Cirquent. Der studierte Psychologe und Soziologe verantwortet die Kommunikationsstrategie des Beratungsunternehmens. Das Branding von Dienstleistern zählt ebenso zu Siegners thematischen Steckenpferden wie Innovationen im Marketing.

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