Es wäre ja nicht der Rede wert, würden nicht F.A.Z. und Süddeutsche Zeitung soviel Raum hergeben für die neueste Variante des digitalen Skeptizismus. Aber von vorne: Jaron Lanier ist der unbekannteste nicht unter den vielen sogenannten Internet-Pionieren. Er soll immerhin das erste Computerspiel programmiert, den ersten Avatar entwickelt und darüber hinaus den Begriff der Virtuellen Realität erfunden haben.
Dieser Internet-Pionier nun bekommt den Platz für einen Essay in der F.A.Z., ein Interview in der F.A.Z. dazu und gleich hinterher noch ein Interview in der Süddeutschen Zeitung.
Anlass der ganzen Aufmerksamkeit: Jaron Lanier hat ein neues Buch heraus gebracht, in dem er vor der vermeintlichen Schwarmintelligenz warnt und dem Internet vorwirft, zwangsläufig Mittelmäßigkeit hervorzubringen. Er nennt das “Digitalen Maoismus”. Hier ein paar Auszüge: “Das Internet bringt das Schlechteste im Menschen hervor”. “Maximale Partizipation führt nicht automatisch zu einer funktionierenden Demokratie, sondern zu etwas, das eher einer Diktatur gleicht.” Wer sein Buch verkaufen will, muss auf die Sahne hauen. Darum haut Lanier auf die Sahne, dass es nur so spritzt: “Google ist das Äquivalent zur Kommunistischen Partei”. In Zeiten, in denen Google sich mit der Chinesischen Regierung anzulegen scheint, kommt es natürlich gut, wenn man die These vertritt, eigentlich seien beide gleich. Daher der Ausdruck „Digital Maoism“. Die Argumente kennen wir alle schon aus der Diskussion um Schirrmachers Buch Payback. Sie sind nicht neu. Darum braucht’s in diesem Blog auch keine neuen Gegenargumente.
Wie gesagt. Es wäre nicht der Rede wert, bekäme Lanier nicht so viel Aufmerksamkeit in den führenden deutschen Tageszeitungen. Und warum dies? Weil er ein Internet- Pionier ist. Weil er einer von denen ist, die es wissen müssen. Ein Internet-Pionier, der vor dem Internet warnt. Er erinnert an jene Physiker, die einst halfen, die Bombe zu entwickeln und dann darüber erschrocken waren, was sie da in die Welt gesetzt haben.
Eigentlich unser Problem. Weil wir, die wir das Internet professionell und kommerziell nutzen, wir, die Internet-Branche, so wenig gesellschaftlich reflektieren, geschweige denn kommunizieren. Das “social” im “Social Web” heißt “gesellschaftlich”. Es soll ausdrücken, dass sich Gesellschaftliches in das Web verlagert. Dann sollte sich die Web-Gemeinde umgekehrt auch mehr um ihre gesellschaftliche Seite kümmern. Und dies nicht den Pionieren überlassen. Die gerne auch einmal die Seite wechseln. In diesem Fall vom Paulus zum Saulus.



27. Januar 2010 at 10:57
Wie war das gleich wieder mit Ossi Urchs? Oder Sascha Lobo? Negroponte? Sobald die Jungs Kohle brauchen, muss man auf sich aufmerksam machen. Egal wie! Die Frage ist nur ob man als “Netbeschmutzer” wieder in die Community aufgenommen wird. Bei Lobo war diese doch ziemlich verschnupft. Und von den Anfangs erwähnten anderen Zwei hört man gar nichts mehr. Im Netz!
27. Januar 2010 at 08:05
Ob ein Thema in den Zeitungen angenommen wird oder nicht hat nach meiner Erfahrung viel mit Zufällen zu tun. Solange nur 2 Zeitungen – wenn auch prominent – über das Thema geschrieben haben besteht gute Chance, dass es sich um ein und den selben Autor handelt, der halt für mehrere Zeitungen tätig ist.
26. Januar 2010 at 18:11
Mich hat auch überrascht, dass die beiden renommierten Tageszeitungen das Thema so groß behandeln. Es zeigt, dass die “Digitalisierung” im Mainstream angekommen ist und bestimmte Ängste auslöst. Wieviel der Thesen und (schiefen) Bilder von Lanier seiner Buchvermarktung geschuldet sind, sei dahin gestellt – zum Nachdenken regen sie allemal an. “Ein Internet-Pionier, der vor dem Internet warnt” – warum nicht? Rütteln solche Statements nicht auch auf und lassen uns über das refelektieren, was wir eventuell hirnlos begeistert adaptieren oder mechanisch und wie selbstverständlich in unseren (Arbeits)-Alltag integrieren? Mit dem Wissen um die “Gefahren” können doch gerade die Internet-Professionals Medienkompetenz beweisen, damit Digital Natives einordnen lernen, worin sie sich bewegen und um den Zauderern die Angst zu nehmen.