Wer nicht liefert, wird entfolgt – wie #Netzökonom #Twitter nutzt

Mi, Jan 27, 2010

Communication

Als PR Fachfrau bin ich ja immer froh und dankbar, wenn ich tiefere Einsicht erhalte in das, was sich aktuell auf der “anderen Seite des Schreibtisches” bei den Journalisten tut. Besonders in Zeiten, in denen ALLE Beteiligten im Kommunikationsgeschäft von der anhaltenden Medienkrise verunsichert, ja geradezu gebeutelt sind und nach neuen Wege suchen, ihre Informationen erfolgreich zu verbreiten. Gegenüber Kommunikationsverantwortlichen aus den verschiedensten Branchen plauderte gestern FAZ-Redakteur Holger Schmidt aus dem Nähkästchen. Schmidt hat das webweit anerkannte Netzökonom Blog aufgebaut und in den vergangenen Tagen an der DLD in München teilgenommen.

Schon Schmidts erste Aussage war für mich ein ziemlicher Knüller: Er nutzt (fast) nur noch Twitter als Informationsquelle! Dies tut er, indem er etwa 100 Twitter Accounts folgt (er selbst hat an die 5.000 Follower), die er für seriös und informativ hält und die ausschließlich gut recherchierte Hard Facts aus den Themenbereichen Telco und Internet liefern.  Jene Twitterer, die gerne ihre privaten Befindlichkeiten in die Timeline streuen, “entfolgt” Schmidt knallhart. Auch wenn sie aus der Fraktion der “Social Media Gurus” kommen. Nur wenigen, etwa @frischkopp von Google, lässt Schmidt so etwas aus Sympathie durchgehen. :-) Agenturnachrichten, Pressemeldungen etc. spielen für ihn nur noch eine nachgeordnete Rolle, sagt Schmidt. Er hat dagegen nichts gegen reine Push-Accounts mit Unternehmensnachrichten auf Twitter. Auch für Krisen-PR eigne sich Twitter hervorragend. Den 140-Zeichen-Skeptikern am Tisch trieben all diese Aussagen sichtbar die Sorgenfalten auf die Stirn. Sie können sich damit trösten, dass Schmidts Recherche-Verhalten sicher nicht repräsentativ ist für das Gros der Journalisten – jedenfalls noch nicht. Auch im eigenen Haus gelte er als Evangelist, räumte Schmidt denn auch ein.

Was Schmidt von manchen seiner Kollegen unterscheidet, ist die gänzlich uneitle Erkenntnis, dass die Deutungshoheit der Presse immer mehr verloren geht. Und dass er die Kompetenz von Menschen anerkennt, die als Experten im Netz ihre Informationen verbreiten. In den USA, berichtete Schmidt, werde bei Pressebriefings längst kein Unterschied mehr gemacht zwischen Journalisten und Bloggern. Manche Blogs seien seriöser und hätten höhere Reichweiten als die großen Newsportale. Ob diese Entwicklung 1:1 in Deutschland eintreten wird, bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall müssen sich Kommunikationsverantwortliche in den Unternehmen darauf einrichten und tun es ja auch hier und da schon, indem sie die Blogger aktiv in ihre Kampagnen mit einbeziehen.

Entgegen der landläufigen Auffassung vieler Blogger findet Holger Schmidt, dass auf einem Blog guter Content den Meinungsbeiträgen vorzuziehen ist. Sein Ziel ist es, mit schnellen (Stichwort Echtzeit) und exklusiven Meldungen als erster am Online-Markt zu sein und damit eine Aufmerksamkeit zu erzeugen, die letztlich dem FAZ-Portal zugute kommt in Form von Besuchern und Klickraten. Genau hier bin ich innerlich zusammen gezuckt, weil in der Diskussion der Begriff “Geschäftsmodell” fiel. Seit wann verfolgen Journalisten denn “Geschäftsmodelle”? Klar, sie wollen gelesen, gehört oder gesehen werden. Aber sind sie nicht diejenigen, die die Öffentlichkeit (im besten Falle) objektiv informieren und den Mächtigen auf die Finger schauen sollen? Die letztlich nicht darauf schauen dürfen, ob ihre unliebsamen Aussagen ins “Geschäftsmodell” ihres Verlages passen? Vielleicht liegt der Schlüssel zur Antwort in Schmidts Aussage, dass er sich mit den Mitteln des Web “eine eigene Marke” erschaffen hat, dass wir alle das tun können. Und so eine Marke muss gerade im schnelllebigen Internet natürlich permanent präsent sein und “Traffic” erzeugen. Vor dieser Herausforderung stehen wir bei Cirquent eindeutig auch.

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Meike Leopold

Meike Leopold - schrieb 108 Beiträge im Cirquent Blog.

Zuständig für die Public Relations bei Cirquent - Um die Öffentlichkeitsarbeit des Unternehmens kümmert sich die studierte Literaturwissenschaftlerin seit über zwei Jahren. Zuhause taucht sie am liebsten in die Welt der Bücher ab oder joggt eine Runde an der Isar. Meike Leopold on Twitter: http://twitter.com/Leopom

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8 Responses to “Wer nicht liefert, wird entfolgt – wie #Netzökonom #Twitter nutzt”

  1. Holger Schmidt
    Holger Schmidt Says:

    Da einige Aussagen in diesem Beitrag missverständlich oder falsch sind, möchte ich einige Punkte klarstellen.

    - Das Wort “Evangelist” habe ich nie benutzt. Ich habe gesagt, dass Kollegen, die andere Themen betreuen, die sozialen Medien weniger oder gar nicht für ihre Arbeit nutzen. Das macht auch Sinn, denn die Zahl der relevanten Informationen ist weit geringer und wohl auch die Leserschaft, die sich für diese Themen interessiert.

    - Auch die Aussage, dass die traditionellen Medien nicht mehr die Deutungshoheit haben, bezog sich auf den Spezialfall der Internet/Tech-Themen und zwar explizit in Amerika. Nur dort sind Blogs wie Techcrunch oder AllThingsD inzwischen auf einer Ebene mit den großen Zeitungen hinsichtlich Informationsgehalt und Durchschlagskraft angekommen.

    - Das Wort “Geschäftsmodell” in Bezug auf Journalisten habe ich nicht benutzt. Das wirtschaftliche Ziel ist die Monetarisierung der Online-Leser durch Werbung. Die FAZ-Blogs werden wie der gesamte Auftritt von FAZ.NET zur Zeit mit Online-Werbung monetarisiert.

    - Desweiteren habe ich nie gesagt, unliebsame Aussagen zu unterlassen, wenn sie nicht ins Geschäftsmodell des Verlages passen. Das ist Unsinn. Die F.A.Z. trennt redaktionelle Berichterstattung und Verlagsinteressen strikt – in den Printmedien ebenso wie im Netz.

    - An Pressemitteilungen bin ich weiterhin interessiert. Ich hatte mir nur gewünscht, diese auch per Twitter zugesandt zu bekommen, da dies besser in meine Arbeitsweise passt.

    Zwei Klarstellungen hatte ich bereits in einem früheren Kommentar geschrieben, die ich hier der Vollständigkeit halber noch einmal anfüge:

    - Twitter ist für mich das Instrument, viele verschiedene Informationsquellen zu kombinieren. Dazu gehören klassische Medien (NYT) ebenso wie der dpa-Techticker, gute Blogs (meist aus Amerika), aber auch Berater (wie @hemartin) und PR-Leute (wie @frischkopp). Entscheidend ist nur, dass sie für mich wertvolle Inhalte oder Links twittern.

    - Die Formulierung “Content statt Meinung” habe ich so nicht gebraucht. Was ich sagen wollte: In meinem Blog lege ich viel Wert auf (hoffentlich originäre) Informationen. Auch die Blogs, die oft ausschließlich auf Meinungen setzen, können natürlich wertvolle Inhalte liefern.

    Holger Schmidt

  2. Leonie Walter
    Leonie Walter Says:

    Liebe Frau Leopold,

    das ist ein sehr interessanter Beitrag, den hoffentlich viele PR-Leute lesen! Vielen Dank, dass Sie die Webwelt an Ihren Informationen teilhaben lassen. Twitter ist für viele ja noch ein Buch mit sieben Siegeln, da ist es wichtig zu wissen, wie Journalisten in Bezug auf Twitter so “ticken”, selbst wenn die Aussagen (noch?) nicht verallgemeinert werden können.

    Viele Grüße Leonie Walter

  3. Ortwin Oberhauser
    Ortwin Oberhauser Says:

    Ich verstehe die Vorgehensweise von Herrn Schmidt, für professionnelle Journalisten welche Twitter hauptsächlich als Informationsquelle nutzen, mag diese auch funktionieren. Ich persönlich sehe keinen Grund warum ich Menschen die meinen Tweets folgen nicht auch folgen sollte, ich würde es irgendwie auch als unhöflich empfinden diesen nicht zu folgen und Blogs und auch Twitter Accounts von welchen ich keine Meldung verpassen möchte landen bei mir einfach im RSS Reader, funktioniert auch.

    Herzliche Grüße aus Bregenz am Bodensee
    Ortwin Oberhauser
    http://twitter.com/Oberhauser

  4. emzo
    emzo Says:

    Ich wüsste nicht, warum man Hr. Schmidt dafür verurteilen soll, nur weil er Twitter nicht nutzt, um seine Bahnverbindungen zu twittern und von anderen zu erfahren, was es heute in der Kantine gibt. Ich bin genau wie Kommentar3 neidisch auf sein Kontrollvermögen. Twitter ist nur die Quelle, was der Journalist daraus macht, ist eine andere Geschichte.

  5. Holger Schmidt
    Holger Schmidt Says:

    Vielleicht zwei Sätze zur Klarstellung:
    - Twitter ist für mich das Instrument, viele verschiedene Informationsquellen zu kombinieren. Dazu gehören klassische Medien (NYT) ebenso wie der dpa-Techticker, gute Blogs (meist aus Amerika), aber auch Berater (wie @hemartin) und PR-Leute (wie @frischkopp). Entscheidend ist nur, dass sie für mich wertvolle Inhalte oder Links twittern.
    - Die Formulierung “Content statt Meinung” habe ich so nicht gebraucht. Was ich sagen wollte: In meinem Blog lege ich viel Wert auf (hoffentlich originäre) Informationen. Auch die Blogs, die oft ausschließlich auf Meinungen setzen, können natürlich wertvolle Inhalte liefern.

  6. Stephen Kutzner
    Stephen Kutzner Says:

    Dieser erfrischend professionelle Umgang mit dem neuen Kurznachtenmedium ist nur vordergründig eine Enthumanisierung des Dienstes. Viel wichtiger ist doch, mit welcher Intention getwittert wird und auf welcher Seite (Sender/Empfänger) der Twitter-Nutzer steht. Wenn er nicht zur digitalen Bunte-Fraktion gehören will und Qualität über persönliche Alltagsbefindlichkeit geht, ist Herrn Schmidts Zugang nur konsequent und nachahmenswert. Ich wünschte meinen digitalen Voyeurismus ebenfalls derart unter Kontrolle zu haben.

  7. anonym

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