Das #iPad und das iNternet und die Fischstäbchen

Mi, Feb 3, 2010

Communication, IT & More

Über das iPad – könnte man meinen – sei inzwischen alles geschrieben und zwar von fast jedem. Stimmt! Fast! Nur die Sache mit den Fischstäbchen hat noch niemand erwähnt.

Um das iPad ist eine merkwürdige Diskussion in Gang gekommen. Warum das iPad keinen USB Port hat, warum es Flash nicht kann, wieso kein Multitasking usw. Das alles habe ich als eher technische oder wirtschaftliche Frage betrachtet. Weit gefehlt. Es ist eine web-philosophische Frage! Musste ich lernen. Frank Schirrmacher, der sich auf die Web-Komplexität eingeschrieben hat, betrachtet das iPad als den Beginn der Verwaltungsreform der digitalen Welt. Endlich weniger Schnittstellen, endlich Singletasking, endlich Reduktion der Komplexität! Es kommt noch dicker: „Kommunikation ist minimalistisch, beschränkt sich auf Tweets und E-Mails, aber zielt nicht mehr auf Blogs. Warum? Weil das Netz der Zukunft womöglich viel weniger partizipativ ist, als man heute glaubt.“

Mirko Lange springt auf diesen Zug auf. Er hofft, dass da noch eine Weiche kommt und diesem Zug eine andere Richtung gibt: „Ich hoffe, dass Schirrmacher Unrecht hat. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.“ Auch er sieht den Trend zur Vereinfachung. Apps, so Mirko Lange, sind wie Fernsehen. Sie vereinfachen das Handling. Sie vereinfachen die Welt. „Interessant auch, dass man bei Apple Apps nichtgleichzeitig öffnen kann. Wie im Fernsehen…“ (Bei meinem Fernseher geht das übrigens, man nennt das Picture in Picture Funktion). Jetzt kommt die Weiche und Mirko Lange kriegt die Kurve: „Und vielleicht tritt ja genau das Gegenteil ein: Dass das iPad nur die technische Komplexität reduziert und wir dadurch in die Lage versetzt werden, die Komplexität der Welt besser zu verstehen.“ Aus diesem Zug ist Schirrmacher inzwischen ausgestiegen.

Soweit die beiden. Sie sind sich einig in dem Bedauern über die Komplexität der Welt. Was hat es damit eigentlich auf sich? Dass die Welt immer komplexer wird, ist unvermeidlich. Warum müssen wir keine Büffel jagen, sondern kaufen das Steak im Supermarkt? Weil wir von der geronnenen Arbeit vieler Generationen vor uns profitieren. Aber einen Büffel zum Steak zu machen und ihn im Supermarkt anzubieten, ist notwendigerweise komplexer als mit dem Speer hinterher zu laufen. Zum Glück auch weniger gefährlich, weniger anstrengend und einfacher. So wie es einfacher ist, dass sich ein RFID-getagter Bestand selbst inventarisiert, als dass ich mit einem Block durch’s Lager laufe. Der Prozess RFID gestützter Selbstinventarisierung ist natürlich komplexer. Das Ergebnis einfacher.

Als das Automobil aufkam, war klar, dass es nie ein Massenphänomen werden könne, denn um ein Auto zu fahren, musste man ja Ingenieur sein. Inzwischen gibt es deutlich mehr Autofahrer als Ingenieure. Aber auch deutlich mehr Ingenieure als bei der Erfindung des Autos. Autofahren ist so einfach geworden (wenn nur der Verkehr nicht wäre). Die Autos allerdings waren noch nie so kompliziert.

Aber mal ganz anders. Worauf beruht der Erfolg von Fischstäbchen? Keine Gräten, leichte Zubereitung, kein Fischgeruch und in der Regel auch kein Fischgeschmack. Die Fischstäbchen, so wurde bei ihrer Markteinführung argumentiert, bringen Leute (vor allem Kinder), die keinen Fisch mögen, dazu trotzdem Fisch zu essen. Der ist nämlich gesund. Fischstäbchen haben das Fischessen populär gemacht. Sogar mit echtem Fisch.

Zurück zum iPad. Es ist das Verdienst von Apple, das Prinzip des Fischstäbchens auf den Computer zu adaptieren. Weniger Gräten, einfache Zubereitung, kein Beigeschmack. (Beim Preis fängt der Vergleich an zu hinken. Apple hätte vermutlich runde Designer Fischstäbchen entwickelt). So dass Leute surfen, die sonst vielleicht nicht gesurft hätten, Leute twittern, die sonst vielleicht nicht getwittert hätten. Die Welt, in der gesurft wird, die Welt über die getwittert wird, ist mit der Markteinführung des iPad nicht weniger komplex. Es ist nur etwas einfacher, sich in ihr zu bewegen.

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Dieser Beitrag wurde geschrieben von:

Thomas Siegner

Thomas Siegner - schrieb 41 Beiträge im Cirquent Blog.

Markenführung und Kommunikation bei Cirquent. Der studierte Psychologe und Soziologe verantwortet die Kommunikationsstrategie des Beratungsunternehmens. Das Branding von Dienstleistern zählt ebenso zu Siegners thematischen Steckenpferden wie Innovationen im Marketing.

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3 Responses to “Das #iPad und das iNternet und die Fischstäbchen”

  1. Patrik Mastellotto
    Patrik Mastellotto Says:

    Schöner Vergleich mit den Fischstäbchen! Und um im Duktus zu bleiben: in welchem Restaurant fühle ich mich wohler? Das mit der ellenlangen Speisekarte und den tausend Weinen oder in dem mit einer handvoll ausgesuchte Gerichten und wenigen feinen Tröpfchen? Ganz klar! Auch hier das apple’sche Prinzip: weniger ist mehr! Habe mir bereits ein iPad gesichert und mein MacBook, mein G5 und mein AppleTV kommen dann ins Museum!

  2. Mirko Lange
    Mirko Lange Says:

    Toll! :-)

    Könnte das die Auflösung sein? Dass “Komplexität” und “Vereinfachung” zwei Seiten einer Medaille sind? Dass wir mit dem Bestreben, die Welt immer einfacher zu machen, die Welt immer komplexer machen? Hieße das auch: Können wir nur mit noch mehr Komplexität der Komplexität Herr werden?

    Für die Produktwelt trifft das wohl zu, denke ich mir da weiter: wie sieht es im psychologischen Bereich aus? Weil ganz viele Leute die Welt immer einfacher wollen, haben wir heute auch ganz, ganz viel mehr Optionen. Beispiel Fischstäbchen: Der Konsum ist convenient. Aber wir werden heute mit 25 verschiedenen Sorten respektive Marken von Fischstäbchen konfrontiert. Das macht es wieder kompliziert. WIr haben in der Kommunikation doch ständig mit der Abgrenzung von den Wettebwerbern zu tun – und damit auch mit anderen Apsekten der Vereinfachung. Das alles macht es doch am Ende – im psycholgischen Sinn – wieder mächtig komplex.

    Oder noch krasser: Die Medienwelt respektive die Meinungsbildung. Es gibt – durch die faktische Zunahme der Komplexität – immer mehr Perspektiven und Meinungen. Das müsste uns doch eigentlich mehr und bessere Erkenntnisse ermöglichen. Die “alte” Medienwelt hat gefiltert. Sie hat die Welt einfacher konsumierbar gemacht. Und die “neue Welt” bringt Vielfalt. Die Filterfunktion (oft auch Gatekeeper-Funktion genannt) der Medien fällt weg. Wir als Konsumenten bekommen nun ganz viele Meinungen ungefiltert – zumindest potenziell. Ist es nicht genau DAS, was Schirrmacher kritisiert? Was er bemängelt? Ist Schirrmachers Kritik nicht die an den vielen Optionen – die uns überfordern (siehe auch “too-mich-choice-Forschung”)?

    Ich stimme 100%ig zu. Apple macht einen Riesen-Job(s). Und was ist, wenn wir das zu Ende denken? Wenn wir das Prinzip Apple auf die anderen Bereiche als auch der Technik reduzieren? Was ist Meinungsbildung à la Apple? Was wäre Einkaufen à la Apple? Was ist eine Medienwelt à la Apple?

    Das ist wahrscheinlich eine zutiefst philosophische Frage. Und damit wohl auch ein wenig praxisfern. Technische Dinge zu vereinfachen, um sie beherrschbarer zu machen ist super. Meinungsvielfalt zu vereinfachen (oder Erkenntnisse) halte ich für problematisch. Da sind wir schnell bei Kirche, Dogmen und vielleicht sogar totalitären Staaten. Ich stelle mir eine Welt vor, in dem Menschen nicht ausbrechen aus der Belastung durch viele Optionen und so die einfache Lösung suchen.

    Übrigens hat Schirrmacher die beiden Dinge zusammengebracht. Das hat mich ja zu meiner Fragestellung veranlasst. Meine persönliche Lösung heißt: Vereinfachung in der Technik: Ja. Aber sobald das zu einer nachhaltigen und definitiven Reduktion von Optionen führt, lehne ich diese Reduktion ab. Ich persönlich nehme dafür auch den Mehraufwand in Kauf. Und ich weiß, dass die “Freiheit”, aus mehr Optionen auswählen zu dürfen, Arbeit macht.

    Der langen Rede kurzer Sinn: Ich für mich habe aus der Debatte einiges gelernt. Vor allem auch Demut. Die Lösung liegt weder in der totalen Freiheit und der totalen Vielfalt des Web 2.0 noch in der Installation von Kontrolleuren oder Gatekeepern. Es braucht eine ganz sensible Austarierung. Ich persönlich übernehme für mich die Verantwortung, sehr vorsichtig mit dem Thema unzugehen.


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  1. [...] unbekannt wrote an interesting post today onHere’s a quick excerptÜber das iPad – könnte man meinen – sei inzwischen alles geschrieben und zwar von fast jedem. Stimmt! Fast! Nur die Sache mit den Fischstäbchen hat noch. [...]

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