In Japan hat man noch Visionen – auch ohne, dass deswegen ein Arztbesuch notwendig wäre. Zum Glück, muss man sagen, denn sonst wäre die populäre mobile Brieftasche “Osaifu Keitai” von NTT Docomo dort niemals Realität geworden. Der neulich geäußerte Wunsch von Carl Atsushi Hirano, dem Erfinder von Osaifu Keitai, in Bezug auf Europa klingt schlicht:
“I am impatiently waiting for the day when I can buy a café au lait and a croissant in a Parisian café with my Japanese mobile.”
In Japan wäre das kein Problem. Vorausgesetzt, Herr Hirano fände dort ein Croissant. Aber in Europa? Da gibt es zwar genug Croissants, aber es bedarf erst noch einer breitflächigen Einführung von Mobiltelefonen mit NFC-Technologie und dazu passenden Akzeptanzstellen. Das klassische Henne-Ei-Problem. Und selbst wenn dieses gelöst ist, würde Herr Hirano mit seinem japanischen Handy wohl an einer fehlenden internationalen Standardisierung scheitern, und seinen Café au Lait in Europa wohl immer noch nicht bekommen.
An diesem Beispiel zeigt sich: wir stehen vor gewaltigen Herausforderungen beim Aufbau umfassender Infrastrukturen für mobile Services sowie geeigneten, interoperablen Wertschöpfungsnetzwerken. Dies betrifft nicht nur das mobile Bezahlen, sondern auch viele andere, innovative mobile Dienste. Z.B. den Autoschlüssel im Handy, der sich merkt, wo das Auto steht, oder der persönliche Stadtführer, der von unterwegs einen Platz im Theater und im dazu passenden Restaurant reserviert. Während es sich beim klassischen Internet noch um einen in sich geschlossenen, virtuellen Raum mit wenigen Kontaktpunkten zur realen Welt handelt, entsteht durch die gegenwärtig stattfindende mobile Revolution eine Vielzahl neuer Schnittstellen zwischen realer und virtueller Welt. Geotagging, Sprach- und Bilderkennung, QR-Codes oder eben NFC-Touchpoints erlauben eine viel intensivere Interaktion mit der unmittelbaren, realen Umwelt. Viele der Dienste, die diese Schnittstellen nutzen, können nur auf Basis komplexer Netzwerke bereitgestellt werden. Diese müssen zudem in der Lage sein, miteinander zu kommunizieren und zu interagieren. Für eine einfache Nutzung sollten z.B. Fahrkarten, die mit dem Handy in verschiedenen Nahverkehrssystemen gekauft werden, einheitlich mit dem gleichen Payment-Service bezahlt werden können. Und zwar ohne eine umständliche Registrierung bei jedem einzelnen Nahverkehrsverbund. Dies erfordert die Kooperation verschiedenster Stakeholder in einem weitaus höheren Maß, als dies bisher der Fall ist.
Der ungeduldige Herr Hirano muss also leider noch etwas warten. Wir sollten das aber nicht tun. Denn bei unserem Nachbarn Frankreich ist in Nizza schon bald Realität, was in Deutschland noch visionär anmutet: der Aufbau eines Wertschöpfungsnetzwerkes für mobile Dienste. Ein Video des Betreibers Cityzi zeigt die daraus entstehenden Möglichkeiten eindrucksvoll. Auch wenn es sich noch um ein regionales Projekt handelt – es könnte durchaus sein, dass Herr Hirano in absehbarer Zeit zwar sein Croissant in Paris mit dem Handy bezahlt, aber nicht das Weißbier in München.
Doch was tun? Der Rat unseres Visionärs aus Japan dazu lautet: “In Japan, NTT Docomo took on the role of the market coordinator taking on a high risk. I wish, from the bottom of my heart, that another company or brave person will give birth to this ecosystem, in Europe and in the United States.” In Frankreich hat man diesen Schritt schon gewagt.







Mo, Feb 15, 2010
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