Fallen der Typographie: Wer ist eigentlich “Kiebling”?

Mi, Jul 14, 2010

Et Cetera

Der Buchstabe „ß“ ist ein ganz besonderer. Er kommt nur im Deutschen vor und stellt gerade in der internationalen Kommunikation eine Herausforderung dar, die zur Unmöglichkeit für alle Nicht-Deutsch-Muttersprachler emporsteigt, wenn man noch nicht einmal hierzulande damit umgehen kann. Leider trifft das für viele zu, wenn man sich so umsieht.

Vor einiger Zeit kam bei mir ein Werbeblatt hereingeflattert, das italienische Feinkost anbot. Die Gestalter der Werbung hatten wohl „TRÜFFELSCHEIBEN“ im Manuskriptblatt stehen, verwendeten aber Kleinbuchstaben und wußten nun nicht, ob sie das „B“ als „b“ oder „ß“ interpretieren sollten. Da ist es dann passiert, bei einer 50-Prozent-Chance wählt man ja bekanntlich mit 90 Prozent Wahrscheinlichkeit die falsche. Guten Appetit.

Das ist natürlich lustig. Und um das zu wiederholen, führte man offensichtlich auch beim Fußball diese Falle ein (oder ist die Drei-Streifen-Trikotfirma in Wirklichkeit nur eine Zwei-Streifen-Firma, weil sie die Regeln nicht kennt?). „KIEBLING“ konnte man auf dem Rücken unserer Nummer 9 lesen, wo doch „Kießling“ gemeint war.

Dabei wäre es doch so einfach. Es gibt kein „großes ß“, es wird in der Großschreibung durch „SS“ ersetzt, in Zweifelsfällen durch „SZ“. Die Einblendungen der Fernsehübertragung hatten ja auch kein Problem damit. Die Anwendung der Regel hätte geholfen: zu wissen, wer da stürmt, und bei der Bestellung von Delikatessen.

VN:F [1.9.13_1145]
Wie hat Dir dieser Artikel gefallen?
Rating: 4.2/6 (5 votes cast)
Fallen der Typographie: Wer ist eigentlich "Kiebling"?, 4.2 out of 6 based on 5 ratings
Hat Dir der Artikel gefallen? Teile ihn:
,

Dieser Beitrag wurde geschrieben von:

avatar

- schrieb 27 Beiträge im Cirquent Blog.

Management Consultant bei Cirquent - Klaus Eicheler beschäftigte sich schon zu seiner Schulzeit mit Computern und kennt das Internet ab der Version Web 0.2 – seit 1987 per E-Mail erreichbar. Er ist Ingenieur und Betriebswirt, Kybernetiker und Mensaner – immer neugierig und auf der Suche nach des Pudels Kern. Seine privaten Interessen: Familie, Literatur, Pfadfinder und Musik wirken ideengebend für seine Arbeit. Wie kann es auch bei einem Kybernetiker anders sein.

Kontakt mit dem Autor aufnehmen

7 Responses to “Fallen der Typographie: Wer ist eigentlich “Kiebling”?”

  1. avatar
    Klaus Eicheler Says:

    Nun, seit über hundert Jahren werden immer wieder Versuche unternommen, die Ligatur der Kleinbuchstaben s und z (vulgo: ß) in einen Großbuchstaben umzuformen, bis heute ohne ästhetisch befriedigendes Ergebnis. Hauptproblem ist nach wie vor die Verwechslungsgefahr mit dem „B“ und daneben der geringe Bedarf (denn reiner Versalsatz ist ohnehin nicht die erste Wahl für Lesbarkeit).
    Beide Punkte werden aber nicht durch die formelle Aufnahme eines Zeichens in Normen gelöst — als könnte man schlechtes Essen (siehe Trüffelscheiben ;-) ) allein dadurch verbessern, indem man den Gammel-Wirt in den Guide Michelin aufnimmt …

  2. avatar
    Michael Kausch Says:

    Das große “SZ” ist (m)ein alter Kinderheitstraum: schon in Zeiten meiner deutlichen Vorliebe für Eszet-Schnitten auf dem Pausenbrot träumte ich nachts von großen SZ. Auch “SS” ist ja ein Traum, allerdings eher ein Albtraum. Gleich wie: man sollte Träume in der Traumwelt belassen und die Notwendigkeit des großen SZ elegant umgehen. Trüffel etwa sollten ganz fein gehobelt werden und wo gehobelt wird, da fallen bekanntlich keine Scheiben, sondern Spähne, die wiederum ohne B und ß auskommen. Und der freundliche fränkische Bayer-Stürmer wird eh kaum je wieder in die schwarzrotgoldene Elf berufen, was zwar schade ist, aber uns vom Problem des großen SZ trikotagentechnisch befreit.
    Und im Zweifelsfall können wir es immer noch mit Jacob Grimm halten, dem die Majuskel stets ein Dorn im Zeh war: “den gleichverwerflichen misbrauch groszer buchstaben für das substantivum, der unserer pedantischen unart gipfel heißsen kann, habe ich … abgeschüttelt.”)

  3. avatar
    bee Says:

    Einspruch: Es gibt das große ß.
    “Das große ß – ẞ – (auch: versales ß, großes SZ, großes Eszett) ist die Großbuchstabenform des Kleinbuchstabens ß (Eszett). Sie ist nicht Bestandteil der offiziellen deutschen Rechtschreibung. Über eine Aufnahme dieses Buchstabens in das deutsche Alphabet wird seit Ende des 19. Jahrhunderts diskutiert. Anfang 2008 wurde das große ß als neues Zeichen in den internationalen Standard Unicode für Computerzeichensätze aufgenommen, am 24. Juni 2008 trat die entsprechende Ergänzung der Norm ISO/IEC 10646 in Kraft.”
    http://de.wikipedia.org/wiki/Versal-Eszett

  4. avatar
    Schlaubi Schlumpf Says:

    @ Klaus Eicheler: Ich stimme völlig mit Ihnen überein, dass die Verwendung des kleinen „ß“ im Versalsatz aus typographischen Gesichtspunkten mehr als fragwürdig ist.
    Es handelt sich übrigens auch eher – und hier muss ich meine eigene Aussage ein wenig relativieren – um eine inoffizielle Regel, die auch schon vor der Einführung der neuen Rechtschreibung bestand. Die von Ihnen zitierte Regel ist Bestandteil der Regelinterpretation des Dudens, nicht aber Teil der amtlichen Regelung der deutschen Rechtschreibung, die die spezielle Problematik der Eigennamen völlig ignoriert.
    Das Bedürfnis nach Namenseindeutigkeit beschränkt sich bei den Betroffenen nachvollziehbarerweise nicht bloß auf Dokumente. So wie einem Herrn Meier nicht egal ist, ob er man ihn auch „Meyer“ oder „Maier“ schreibt, nimmt der schon einmal angeführte Herr Groß seinen Namen in jeder anderen Darstellungsweise als falsch geschrieben wahr.
    In persönlichen Begegnungen habe ich solche Erfahrungen mehrfach machen können.
    Da Eigennamen nur bedingt der Rechtschreibung unterliegen ist dieses Empfinden und der Wunsch diesem Genüge zu leisten m.E. legitim, wenn auch ästhetisch zweifelhaft.
    Zum typographischen Aspekt Ihrer Kritik am Trikotaufdruck ist noch eine weitere Bemerkung zu machen: Ihnen ist sicherlich aufgefallen, dass es sich bei dem vom Hersteller verwendeten Font um keine reine Versalschrift sondern um einen sog. Unicase-Font handelt. Die Buchstaben „M“, „N“ und „W“ sind in ihrer Charakteristik weniger Groß- als vielmehr Kleinbuchstaben (auch „E“ und „F“ nähern sich formal den Kleinbuchstaben an). Da sich also in den Zeichensatz ohnehin einige (Quasi-)Kleinbuchstaben hineingemogelt haben, ist die Verwendung des kleinen „ß“ einigermaßen vertretbar – auch wenn die Verwechlungsgefahr mit dem Buchstaben „B“ besser hätte ausgeräumt werden sollen.

  5. avatar
    Klaus Eicheler Says:

    @Schlaubi Schlumpf: Nicht alles, was regelkonform scheint, ist auch richtig; besonders bei der sogenannten “neuen Rechtschreibung” treiben die Regeln fröhliche Urständ. Auch wenn es mir um die Typographie ging (nicht um die Orthographie): Die “neuen” Regeln erlauben, typographiewidrig, die Verwendung von “ß” in Dokumenten (Regel 121 Duden, Erläuterung). Ist ein Trikot ein Dokument? ;-)

  6. avatar
    Schlaubi Schlumpf Says:

    Gut beobachtet – leider ist die Schlussfolgerung, dass die Anwendung der Rechtschreibregel hier hätte aushelfen können, in diesem Fall unzutreffend.
    Herr Groß beispielsweise hat das Recht darauf, nicht mit den Herren Gross oder Grosz verwechselt zu werden. Dies erkennt auch die Rechtschreibung an und empfiehlt im Fall der Versalschreibung eines Eigennamens das Beibehalten des “kleinen ß”.
    “KIEßLING” ist also leider nicht besonders schön – aber völlig regelkonform.

  7. avatar
    Leonie Walter Says:

    Gut beobachtet! Aber nur wenige beherrschen heute leider die Tücken der Rechtschreibung… Wie man ja hier ganz deutlich sieht.


Leave a Reply